„Es geht nicht um Formeln, sondern um Gott selbst, um die hl. Eucharistie selbst, um die Essenz des Petrusamtes.” — Walter Hoeres, „Der Aufstand gegen die Ewigkeit” (1984)
Vier Jahrzehnte sind vergangen, seit Walter Hoeres, Professor für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg und einer der schärfsten Köpfe der katholischen Tradition im deutschen Sprachraum, seine kleine, kompromisslose Schrift „Der Aufstand gegen die Ewigkeit. Kirche zwischen Tradition und Selbstzerstörung” vorlegte. Wer das Bändchen heute zur Hand nimmt, liest keine vergilbte Polemik, sondern eine prophetische Anatomie dessen, was wir heute Synodalen Weg, Pachamama-Liturgie und „Mitmenschlichkeitsreligion” nennen. Hoeres benennt 1984 mit philosophischer Präzision, was nun in voller Blüte steht.
Aus „Fortschrittsglauben” wird „Fortschrittshoffnung”
Hoeres’ erster Schnitt setzt am Begriff der Hoffnung an. Der Fortschrittsglaube der Aufklärung, durch den Ersten Weltkrieg und alles Folgende ramponiert, ist bei den progressiven Theologen zur „Fortschrittshoffnung” mutiert. Nicht zufällig, so Hoeres, trage das Schlussdokument der nachkonziliaren Würzburger Synode der deutschen Bistümer den Titel „Unsere Hoffnung” — denn es verkünde eben nicht den Glauben der Kirche, sondern „die Hoffnung der politischen Theologie” auf eine kommende, gerechte und sich selbst befreite Gesellschaft.
Hoeres beruft sich hier auf den Münsteraner Theologen Johannes Dörmann, der die Synode bereits 1975 in seiner Schrift „Politische Theologie — nun auch auf der Synode” zerlegt hatte. Diese politische Theologie, in Deutschland von Johann Baptist Metz begründet, in Südamerika unter dem Namen „Theologie der Befreiung” oder, noch radikaler, „Theologie der Revolution” auftretend, gewinnt zunehmend an Einfluss. Es ist die Theologie, vor der Papst Johannes Paul II. auf seinen Südamerikareisen eindringlich gewarnt hat: vor der Reduzierung des Evangeliums auf eine rein innerweltliche Zukunft. Auch der Soziologe Helmut Schelsky hat ihr in seinem Werk „Die Arbeit tun die anderen” eine vernichtende Abfuhr erteilt.
Wenn das Kreuz nicht mehr Sühne ist
Symptomatisch für diesen Umbau wählt Hoeres ein Buch aus, das im Amtsblatt der Diözese Limburg als „seit langer Zeit beste christologische Veröffentlichung” gefeiert wurde: Hans Kesslers „Erlösung als Befreiung”, erschienen im Patmos-Verlag, Düsseldorf. Ein Lehrstück darüber, wie modernistische Christologie unter wohlklingender Etikettierung in den Amtsblättern hoffähig gemacht wird.
Kessler reflektiert nach Hoeres’ Analyse den antiplatonischen Zug der neuen Theologie. „Platonisch” meint dabei nicht, das Christentum habe seine Auffassungen von Plato übernommen, sondern dass sich in beiden dieselbe Denkstruktur findet: Der Grundgedanke der katholischen Erlösungslehre, dass Christus am Kreuz, Gott zugewandt, jene Sühne für die Sünden der Menschheit geleistet hat, die diese der unendlichen Majestät Gottes schuldig war — dieser Grundgedanke ist in diesem Sinne „platonisch”. Der Kreuzestod geschah in erster Linie auf Gott hin und „für Gott”. Der letzte Sinn der Menschwerdung liegt in der Verherrlichung Gottes. Erst aus dieser Verherrlichung fließt unendlicher Segen auf die Menschheit zurück. Erlösung bedeutet hier nicht Veränderung gesellschaftlicher Zustände, sondern die Gnadenwirkung, die uns zu einem vollkommeneren Bilde Gottes umgestaltet, als es uns von Natur möglich wäre. Das Geschehen am Kreuz lässt sich nur theozentrisch, von Gott her, ermessen — niemals mit den Maßstäben des irdischen Wohlbefindens.
Kessler dagegen wagt den Satz, die neutestamentliche Forschung könne „mit allergrösster Wahrscheinlichkeit sagen”: „Jesus hat seinen Tod nicht als Sühnopfer, nicht als Genugtuung, nicht als Loskauf verstanden, und es lag auch nicht in seiner Absicht, gerade durch seinen Tod die Menschen zu erlösen.” Die Bedeutung Jesu liege vielmehr in der „befreienden Kraft seines Lebens” und in seiner „Solidarität mit den Unterdrückten”. Hoeres’ Verdikt: theologischer Vandalismus an der gesamten Erlösungslehre, getarnt als Forschungsergebnis.
Wenn aus dem Messopfer eine „Eucharistiefeier” wird
Die Tiefe dieses Wandels zeigt sich, so Hoeres, am deutlichsten im veränderten Vokabular des Kirchenvolkes selbst. Die uralten Formulierungen werden nicht abgeschafft — sie werden ausgetauscht. Da ist plötzlich die Rede von der „Sache Jesu”, die weitergehen müsse: gemeint ist nicht das Reich Gottes, sondern der Kampf um eine humane Welt, eine Vision, in der sich der Jüngste Tag und die klassenlose Gesellschaft auf seltsame Weise vermengen. Statt der von Christus inspirierten und letztlich auf ihn zielenden „Nächstenliebe” ist nur noch von „Mitmenschlichkeit” die Rede. Das frühere Messopfer heißt jetzt „Eucharistiefeier”, wobei die Umorientierung von Gott zur mitmenschlichen Feier überdeutlich in die Augen springt — und konsequenterweise bezeichnen sich viele Priester nur noch als „Gemeindevorsteher”.
Sogar an die Bergpredigt hat sich die Verharmlosung herangetraut: Eine Zeitlang wurden den Gläubigen in den Kirchen die Seligpreisungen in der Fassung „Wohl denen…!” zugemutet — als ginge es um animalisches Wohlbefinden und nicht um die himmlische Seligkeit, die in jener Kontemplation besteht, die schon Plato vorausgeahnt hat.
Das Buch „Was soll verkündet werden?” des damaligen Kirchenfunkredakteurs des Südwestfunks, Franz Klein, dokumentiert diesen Umsturz auf höchster Predigtebene. Klein bat je einen Vertreter der traditionellen und der neuen progressiven Theologie um Alternativpredigten zu den großen Festtagen. Das Ergebnis ist ein theologisches Offenbarungseid: Weihnachten ist für den progressiven Theologen Hubertus Halbfas nicht mehr die Vergegenwärtigung der Geburt des Herrn, sondern „nicht Reproduktion der Vergangenheit, sondern Vollzug der eigenen Menschwerdung als Hoffnung für andere”. Und Ostern ist in der Osterpredigt Gertrude Sartorys nicht mehr staunende Anwesenheit bei der Herrlichkeit des Auferstandenen, sondern „das konkrete, das alltägliche Leben”, darum, „dass ich aus denselben Antrieben leben kann wie Jesus”.
Auf diese Theologie und Verkündigung passt jene Frage, mit der Rudolf Augstein damals im „Spiegel” seinen Bericht über das Aggiornamento der Kirchen abschloss: Wenn die Kirchen sich zunehmend gesellschaftlichen Fragen widmen und die bessere irdische Zukunft in den Mittelpunkt stellen — wozu dann überhaupt noch Kirche?
„Orthopraxie statt Orthodoxie” — die Liquidation des Dogmas
Wie gleichgültig dogmatische Aussagen geworden sind, bringen die „Stimmen der Zeit” auf die griffige Formel: Heute lege man halt mehr Wert auf „Orthopraxie” als auf „Orthodoxie”. Als Hauptsache gilt nicht mehr, dass wir nicht durch falsche Meinungen die wahren Gegenstände unserer Anbetung aus dem Auge verlieren — Hauptsache ist, dass wir bei allen „dogmatischen Differenzen” „brüderlich” bleiben in einem netten, zum Selbstzweck erstarrten Dialog. Wie könne man sich, so lautet das Argument einer allzu aufdringlichen Brüderlichkeit, wegen blosser Formeln streiten!
Hoeres legt den philosophischen Skandal dieser Rede offen. Sie suggeriert nicht nur, Glaubensformeln seien austauschbar wie Moden. Sie enthält die radikale Absage an die Offenheit des Geistes für die Wahrheit und den Reichtum der göttlichen Heilsgeheimnisse. Den Dissens in wichtigen Glaubensfragen zugunsten mitbrüderlicher Nettigkeit zurückzustellen ist nur dann folgerichtig, wenn die Wahrheit des Glaubens nicht mehr als Heil des menschlichen Geistes angesehen wird. Für den katholischen Christen aber ist der Glaube keine Aussage und kein System von Formeln. Er besteht in der festen Anhänglichkeit an Gott und Jesus Christus — und ist insofern bereits „der Anbeginn des ewigen Lebens”.
Und Hoeres bringt es auf jene Formel, die das ganze Kapitel zusammenfasst: Es geht nicht um Formeln, sondern um Gott selbst, um die hl. Eucharistie selbst, um die Essenz des Petrusamtes. Es geht darum, dass ich mich nicht an Luftschlösser anhänge, sondern an Gott selbst und den von ihm verordneten Weg zum Heile. Von einem solchen verordneten Weg sprechen die Progressiven freilich nur noch ungern. Stattdessen trösten sie sich mit Rahners These, dass alle Menschen, sofern sie nur anständig und guten Willens sind, auch „anonyme Christen” seien — die elegante Selbstabschaffung der missionarischen Notwendigkeit.
Enthellenisierung und Antitriumphalismus — zwei Seiten einer Medaille
Hoeres’ eigentliche Pointe steht im Kapitel über den Kampf gegen den Triumphalismus. Das Grundanliegen des Progressismus, schreibt er, lässt sich ebenso gut am Kampf um die Enthellenisierung des Christentums wie am Kampf gegen das triumphalistische Erscheinungsbild der Kirche ablesen. Beide Feldzüge sind die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Weil der progressive Affekt sich dagegen richtet, dass Kirche, Liturgie und getaufte menschliche Existenz ihren Daseinssinn schon darin haben, Darstellung und Verherrlichung Gottes zu sein — ein wunderbares Schauspiel vor seinem heiligen Antlitz —, muss er sich notwendigerweise auch gegen das überlieferte, heute schon halb vergessene Erscheinungsbild dieser Kirche wenden.
Der Progressismus, so Hoeres’ Diagnose, besteht keineswegs nur in einem Bündel von Maßnahmen, sich beim Zeitgeist anzubiedern. Er ist eine einheitliche Grundkonzeption vom Sinn des Daseins, eine geschlossene Weltanschauung, in der die Geheimnisse des Glaubens und die philosophischen Wahrheiten über Gott, Welt und Mensch eo ipso einen neuen Stellenwert erhalten und damit tiefgreifend verändert werden.
Wer 1984 las, sah 2026 voraus
Was Hoeres 1984 als Symptom beobachtete, ist heute Programm. Die „Mitmenschlichkeit” ist zum amtskirchlichen Staatsraison geworden. Der „Gemeindevorsteher” trägt nun offen den Talar des Soziologen. Papst Leo XIV. gibt während seinen Ansprachen bekannt, dass er diesen Weg fortführt, verhüllt in traditionellen Gewändern. Das Sühnopfer Christi wird in deutschen Bistumsblättern als „antiquiertes Gottesbild” verhöhnt. Und der Synodale Weg ist genau jene „einheitliche Grundkonzeption vom Sinn des Daseins”, vor der Hoeres gewarnt hat — nur dass die Maske inzwischen gefallen ist.
Die Kirche steht heute nicht trotz, sondern wegen der Theologie, deren Anfänge Hoeres sezierte, am Rande dessen, was Paul VI. ihre „Selbstzerstörung” nannte. Wer den Aufstand gegen die Ewigkeit verstehen will, muss zurück zu jenem Satz, der das Programm der Tradition gegen jede „Fortschrittshoffnung” formuliert: Es geht nicht um Formeln, sondern um Gott selbst. Wer das aufgibt, gibt die Kirche auf.
Quelle: Walter Hoeres, „Der Aufstand gegen die Ewigkeit. Kirche zwischen Tradition und Selbstzerstörung”, Christiana-Verlag, Stein am Rhein, 1984 (2. erw. Auflage 1987), S. 48–55.



