Das Martyrium ist seit den Anfängen der Kirche mehr als nur ein mutiges Bekenntnis zum Namen Christi. Es ist Zeugnis eines Glaubens, der so real ist, dass er das eigene Leben übersteigt. Kaum ein Heiliger der Frühzeit verkörpert diesen Glauben so eindrücklich wie der heilige Tarsicius, der um das Jahr 257 den Tod erlitt – nicht wegen eines bloßen Symbols, sondern wegen der wirklichen Gegenwart Jesu Christi in der heiligen Eucharistie, wie sie der Herr Jesus Christus selbst bezeugt mit den Worten: Mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank (Johannes 6,55). Eine Glaubenswahrheit und ein übernatürliches Geheimnis, für das Katholiken seit apostolischer Zeit ihr Leben hingeben.
Die Inschrift des Papstes Damasus
Historisch greifbar wird Tarsicius durch eine Inschrift, die Papst Damasus I. († 384) an seinem Grab in den Callistus-Katakomben in Rom anbringen ließ. Diese vier Hexameter sind eine zeitnahe Quelle über Leben und Tod des Märtyrers – und zugleich ein eindrucksvolles Glaubensbekenntnis der alten Kirche. Die Inschrift lautet vollständig:
„Tarsicium sanctum Christi sacramenta gerentem cum male sana manus peteret vulgare profanis, ipse animam potius voluit dimittere caesus prodere quam canibus rabidis caelestia membra.“
Auf Deutsch übersetzt: „Der wütende Pöbel drängte den heiligen Tarsicius, der die Sakramente Christi’ trug, sie den Unheiligen zu zeigen. Er aber wollte lieber unter Schlägen sein Leben verlieren, als die himmlischen Glieder den wütenden Hunden überliefern.“
Papst Damasus, der auf dem Konzil von Rom im Jahre 382 die Bibel kanonisiert hat, berichtet hier in dichterischer Sprache von einem Christen, der die „Sakramente Christi“ bei sich trug, von einer tobenden Menge angegriffen wurde und lieber unter Schlägen sein Leben hingab, als das Heilige den „wütenden Hunden“ preiszugeben – jene „himmlischen Glieder“, unter denen eindeutig der wahre Leib Christi zu verstehen ist. Gebt das Heilige nicht den Hunden, spricht der Herr Jesus Christus im Evangelium (Matthäus 7,6). Das bezieht schon die älteste frühchristliche Kirchenordnung, die Didache, auf die heilige Eucharistie: „Aber keiner darf essen oder trinken von eurer Eucharistie, außer die auf den Namen des Herrn getauft sind. Denn auch hierüber hat der Herr gesagt: „ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben“ (Didache, Kapitel 9).
Martyrium aus eucharistischem Glauben
Gerade diese Formulierung ist theologisch von größter Bedeutung. Der Kirchenhistoriker Leo Hertling weist darauf hin, dass diese Inschrift mit voller Klarheit zeigt: Die Christen der Frühzeit glaubten an die reale, bleibende Gegenwart Christi unter den konsekrierten Gestalten – nicht nur während der Feier der Eucharistie, sondern jederzeit. Was Tarsicius schützte, war nicht ein frommes Zeichen, sondern Christus selbst.
Wahrscheinlich war Tarsicius unterwegs zu Christen, die wegen Verfolgung oder Gefangenschaft nicht an der Liturgie teilnehmen konnten. Die Überbringung der Eucharistie zu solchen Gläubigen war ein heiliger Dienst, der mit größter Ehrfurcht versehen war, und häufig von den Diakonen ausgeführt wurde. Als Heiden ihm dieses Geheimnis entreißen wollten, stellte Tarsicius seinen eigenen Leib schützend vor den Leib Christi – und wurde so zum Märtyrer der Eucharistie.
Bedeutung für die Kirche heute
Der heilige Tarsicius ist ein leuchtender Zeuge dafür, wie ernst die Kirche von Anfang an den Glauben an die Realpräsenz Jesu Christi genommen hat. Seine Bereitschaft, das eigene Leben hinzugeben, offenbart die Ehrfurcht vor dem Allerheiligsten Sakrament – eine Ehrfurcht, die aus dem Wissen erwächst, dass Christus selbst unter den Gestalten von Brot und Wein gegenwärtig ist.
Papst Paul I. ließ im 8. Jahrhundert die Reliquien des Heiligen in eine römische Kirche übertragen; ein Teil von ihnen wird bis heute im Petersdom verehrt. Seit 1939 trägt auch eine Kirche in Rom seinen Namen.
In einer Zeit, in der der eucharistische Glaube oft zur Gewohnheit zu werden droht, ruft uns der heilige Tarsicius eindringlich in Erinnerung: Die Eucharistie ist kein Symbol unter vielen. Sie ist Christus selbst – so real, dass es sich lohnt, für Ihn alles zu geben.
Quelle: Das Allerheiligste und die Heiligen, Prof. Dr. Ferdinand Holbök, S. 38-40






