Hl. Joseph von Copertino – Der fliegende Heilige mit Drang zum Tabernakel

Wenn von Heiligen die Rede ist, deren Leben die Grenze zwischen Himmel und Erde auf geheimnisvolle Weise durchlässig erscheinen lässt, dann nimmt der hl. Joseph von Copertino einen einzigartigen Platz ein. Kaum ein anderer Heiliger ist so sehr mit dem Phänomen der Levitation verbunden wie er – jenem staunenswerten „Aufgehobensein“, das Zeitgenossen wie spätere Generationen gleichermaßen erschütterte und faszinierte. Nicht umsonst ging Joseph von Copertino als der „fliegende Heilige“ in die Geschichte ein und wurde 1963 sogar zum Schutzpatron der Flieger und Astronauten ernannt.

Ein einfacher Mensch mit ungewöhnlichem Weg

Joseph von Copertino, mit bürgerlichem Namen Giuseppe Desa, wurde am 17. Juni 1603 in Copertino bei Nardò im Süden Italiens geboren. Er entstammte einfachen Verhältnissen und war das letzte Kind einer kinderreichen Familie. Seine Kindheit war von Leid geprägt: Eine schwere Krankheit fesselte ihn jahrelang ans Bett und machte eine schulische Ausbildung nahezu unmöglich. Als er schließlich auf wunderbare Weise geheilt wurde, galt er als ungeschickt, zerstreut und für viele Arbeiten ungeeignet.

Auch sein Weg ins Ordensleben war von Rückschlägen begleitet. Mehrfach wurde er wegen seiner Ungeschicklichkeit zurückgewiesen, bis er schließlich im kleinen Franziskanerkonvent „La Grotella“ Aufnahme fand – zunächst als Stallknecht, später als Laienbruder. Trotz seiner intellektuellen Einfachheit fiel jedoch bald seine tiefe Frömmigkeit auf. Gegen alle Erwartungen wurde er zum Priester geweiht. Gerade in dieser äußerlichen Schwachheit offenbarte sich das Wirken Gottes umso deutlicher.

Was den hl. Joseph von Copertino bis heute einzigartig macht, sind seine außergewöhnlichen mystischen Begabungen. Seine Biographen berichten übereinstimmend von häufigen Ekstasen, die oft stundenlang andauerten und von Levitationen begleitet waren. Beim Gebet wurde er immer wieder sichtbar vom Boden erhoben. Mehrfach schwebte oder flog er durch die Kirche – wie von einer unsichtbaren Kraft getragen – oft direkt auf den Tabernakel zu, als werde er von der realen Gegenwart Christi unwiderstehlich angezogen.

Diese Ereignisse ereigneten sich nicht im Verborgenen, sondern vor den Augen zahlreicher Zeugen: Ordensbrüder, Priester, Gläubige und sogar kirchliche Würdenträger wurden Zeugen seiner „mystischen Flüge“. Gerade deshalb sind sie außergewöhnlich gut dokumentiert. Joseph selbst suchte diese Phänomene keineswegs; vielmehr waren sie ihm Anlass zu tiefer Demut und oft auch zu großem Leid.

Verdächtigungen und Verborgenheit

Die übernatürlichen Gnaden erregten großes Aufsehen – und riefen zugleich Misstrauen hervor. Aus Sorge vor Täuschung oder Übertreibung wurde Joseph von Copertino der Inquisition gemeldet. Um das öffentliche Ärgernis zu vermeiden, versetzte man ihn schließlich in abgelegene Klöster. Seine letzte Lebensstation war das Minoritenkloster in Osimo bei Loreto, wo er von 1657 bis zu seinem Tod 1663 fast völlig abgeschieden lebte.

Selbst dort durfte er die Klosterkirche meist nur nachts betreten, da er beim Anblick des Altars oder beim Klang geistlicher Gesänge beinahe unweigerlich in Ekstase geriet – nicht selten sechs oder sieben Stunden lang. Gerade in dieser Verborgenheit aber reifte seine Heiligkeit zur vollen Blüte.

Vertrauter der Engel

Ein besonders berührender Zug in der Spiritualität des hl. Joseph von Copertino ist sein vertrauter Umgang mit den heiligen Engeln, insbesondere mit seinem Schutzengel, der ihm nach den Berichten seiner Biographen sichtbar erschien. In Zeiten der Anfechtung, der Einsamkeit und der Verkennung wurde Joseph von ihm getröstet und gestärkt.

Trotz dieser Nähe bewahrte er stets tiefste Ehrfurcht: Betritt man seine Zelle, so berichten Zeitzeugen, ließ er dem Engel stets den Vortritt. Diese demütige Haltung unterstreicht, dass seine mystischen Gnaden niemals zur Selbstüberhöhung führten, sondern zu immer größerer Ehrfurcht vor Gott und seiner himmlischen Ordnung.

Ein Flug nach Loreto

Besonders eindrucksvoll ist ein Ereignis, das sich in der Nähe von Osimo zutrug. Als ein Mitbruder Joseph auf die ferne Basilika von Loreto aufmerksam machte, rief dieser tief bewegt aus, er sehe die Engel Gottes, die aus dem Himmel herabsteigen und im Heiligen Haus ein- und ausgehen. Noch während er sprach, wurde er – wie so oft – vom Boden erhoben und im Flug nach Loreto getragen. Dieses Ereignis ist bis heute in einem großen Gemälde in der Klosterkirche von Osimo dargestellt, wo der Heilige in einer Krypta ruht.

Wie sein Leben von Wundern begleitet war, so setzte sich diese Gnade auch nach seinem Tod fort. Am Grab des hl. Joseph von Copertino ereigneten sich zahlreiche Wunder und Gebetserhörungen. Die Kirche erkannte darin das Siegel Gottes: 1753 wurde er von Papst Benedikt XIV. selig- und 1767 von Papst Clemens XIII. heiliggesprochen.

Quelle: Vereint mit den Engeln und Heiligen, S. 359-361

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