Was in Rom derzeit geschieht, ist kein bloßer liturgischer Streit und schon gar keine Frage persönlicher Vorlieben. Das neue, von Kardinal Arthur Roche verbreitete Konsistorium-Dokument zeigt in aller Klarheit: Die überlieferte römische Messe steht nicht deshalb unter Beschuss, weil sie „missverstanden“ oder „falsch rezipiert“ werde, sondern weil sie einer bestimmten “theologischen” und kirchenpolitischen Agenda im Wege steht.
Wer dieses Dokument liest, erkennt schnell: Hier geht es nicht um Versöhnung, nicht um “Koexistenz”, nicht um liturgischen Frieden. Es geht um Durchsetzung. Und es geht um Macht über die lex orandi – und damit über die lex credendi.
Ein alter Kurs in neuem Gewand
Um das aktuelle Dokument richtig einzuordnen, muss man den langen Weg betrachten, den Arthur Roche in der Liturgiefrage bereits gegangen ist. Das Konsistorium-Papier ist kein Ausrutscher und kein Einzelereignis. Es ist die logische Fortsetzung einer Linie, die sich seit Jahren immer deutlicher abzeichnet.
Bereits nach dem Motu proprio Summorum Pontificum (2007) zeigte sich diese Haltung. Damals legte Roche – zu jener Zeit Bischof von Leeds – das Dokument in einer Weise aus, die formal den Zugang zur alten Messe eröffnete, ihn praktisch aber so eng wie möglich begrenzte. Die traditionelle Liturgie sollte geduldet, aber nicht gefördert werden. Schon hier wurde sichtbar: Die überlieferte Messe wird als Problem verstanden, das verwaltet werden müsse.
Die Behauptung von der „Abrogation“ der alten Messe
Einen entscheidenden Einschnitt markierte das Jahr 2021. In einem Schreiben erklärte Roche, die lateinische Messe sei „von Papst Paul VI. abrogiert“ worden. Diese Behauptung stand in offenem Widerspruch zu der unmissverständlichen Aussage Benedikts XVI., wonach das Messbuch von 1962 „niemals rechtlich abrogiert“ worden sei.
Noch schwerer wog eine weitere Aussage: Roche erklärte, die Ekklesiologie der alten Messe sei „nicht Teil des Lehramts der Kirche“. Damit wurde die überlieferte Liturgie nicht nur disziplinär, sondern theologisch delegitimiert. Sie erschien nicht mehr als Ausdruck des katholischen Glaubens, sondern als Relikt ohne lehrmäßige Relevanz.
In der Folge von Traditionis custodes wurde diese Linie verschärft. Das erklärte Ziel lautete nun offen: Rückführung auf eine „einheitliche Feierform“. Die Bischöfe sollten darauf hinwirken, dass es in ihren Diözesen faktisch nur noch eine liturgische Praxis gebe. Einheit wurde dabei nicht als Einheit des Glaubens verstanden, sondern als Uniformität der Form.
Roches öffentliche Aussagen aus dieser Zeit sind bezeichnend. Wer sich verletzt fühle, solle nicht „die Wunden lecken“. Der Kurs sei vorgegeben, man müsse „weitergehen“. Argumente traten hinter Vollzug zurück.
Der Satz, der alles offenlegt: „Die Theologie der Kirche hat sich verändert“
Den tiefsten Einblick in das Denken hinter dieser Politik lieferte ein BBC-Radiointerview aus dem Jahr 2023. Dort sagte Roche wörtlich:
„Wissen Sie, die Theologie der Kirche hat sich verändert.“
Dieser Satz ist der Schlüssel zum Verständnis der gesamten Auseinandersetzung. Wenn sich die „Theologie der Kirche“ verändert habe, dann ist die überlieferte Liturgie zwangsläufig verdächtig – denn sie verkörpert sichtbar eine Theologie, die sich nicht einfach als überholt deklarieren lässt. Genau deshalb sitzt das Problem tiefer: Die Liturgie wird zum Schauplatz eines behaupteten theologischen Paradigmenwechsels.
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Vor diesem Hintergrund ist das am 7-8. Januar verteilte Dokument zu lesen. Es wurde den Kardinälen ausgehändigt, ohne dass darüber offen diskutiert wurde. Ein Teilnehmer beschrieb den Text als „ziemlich negativ über die traditionelle lateinische Messe“. Allein dieser Umstand ist bezeichnend.
Reform als Dauerzustand – Widerstand als Geschichtsvergessenheit
Der Text beginnt mit der Behauptung, die Liturgie habe „immer Reformen durchlaufen“. Die Geschichte der Liturgie wird als Geschichte permanenter „Reformierung“ dargestellt. Diese Perspektive ist nicht unschuldig. Sie dient dazu, jeden Widerstand gegen die nachkonziliare Reform als unhistorisch, nostalgisch oder gar ideologisch erscheinen zu lassen.
Fr. John Zuhlsdorf bringt diese Logik auf den Punkt.
„Gute, überzeugende Argumente und mangelnde Beachtung der Fakten darüber, was nach dem Konzil geschah, lassen nur einen Handlungsweg für jene, die besessen sind davon, die Vergangenheit zu eliminieren statt authentische ekklesiale Gemeinschaft: ZWANG.“
Zentral im Dokument ist die Behauptung, das Missale Pauls VI. sei „der einzige Ausdruck der lex orandi des römischen Ritus“. Die Verwendung älterer liturgischer Bücher wird ausdrücklich als bloßes Zugeständnis beschrieben.
Damit wird klar: Die alte Messe soll keine Zukunft haben. Sie darf bestenfalls auslaufen. „Einheit“ wird dabei als moralisches Argument benutzt, um eine liturgische Monokultur durchzusetzen.
Besonders perfide ist der Umgang mit dem Traditionsbegriff. Der Text zitiert Benedikt XVI. mit der Aussage, Tradition sei kein „Museum toter Dinge“, sondern ein „lebendiger Fluss“. Diese Worte dienen dazu, die überlieferte Liturgie anzuzählen, um ihre Marginalisierung zu rechtfertigen.
Der wohl brisanteste Abschnitt des Dokuments knüpft direkt an Desiderio desideravi an. Dort heißt es sinngemäß, man könne nicht die Gültigkeit des Konzils anerkennen und zugleich die liturgische Reform ablehnen. Damit wird die Frage der Liturgie zu einem Loyalitätstest.
Wer an der überlieferten Messe festhält, gerät automatisch unter den Verdacht, das Konzil oder gar die Kirche selbst abzulehnen. Eine liturgische Frage wird so zur ekklesiologischen Grenzziehung.
Die alte Messe als „Gefahr“
Implizit wird die traditionelle Liturgie als Bedrohung dargestellt, weil sie ein lebendiges Gegenbeispiel zur These liefert, die nachkonziliare Reform sei alternativlos gewesen. Solange der klassische römische Ritus existiert und Früchte trägt, wirkt die Behauptung der Unumkehrbarkeit wenig überzeugend.
Passend dazu steht der programmatische Satz: „Ohne liturgische Reform gibt es keine Reform der Kirche.“
Ein Kommentar von Big Modernism bringt diese Logik ehrlich zum Ausdruck:
„Die alte Messe muss nicht nur reguliert, nicht nur ‚ausgewogen‘, nicht nur ‚integriert‘ werden. Sie muss ausgehungert, verächtlich gemacht und schließlich begraben werden.“
Das Konsistorium-Dokument ist keine neutrale Reflexion, sondern die offizielle Verdichtung eines Kurses, der seit Jahren verfolgt wird.
Wer die überlieferte Liturgie verdrängt, greift in das Selbstverständnis des katholischen Glaubens ein.
Oder, um es mit den Worten Fr. Zuhlsdorfs zu sagen: Wo Argumente schwach sind und Fakten ignoriert werden, bleibt am Ende nur ein Mittel – ZWANG.






