Die Weisheit des Heiligen Thomas von Aquin
Seit 1271 liefert die Summa Theologiae eine Antwort, die unsere heutige Vorstellung von Männlichkeit radikal herausfordert – fordernder, tiefer und wahrer als alles, was die moderne Welt anzubieten hat.
Mehr erfahrenSelbstverständlich haben Männer durch Mut, Kraft und Verteidigung große Schlachten geschlagen, Kriege gewonnen, ihre Familien beschützt und die Kirche in Zeiten äußerer Bedrohung verteidigt. Ebenso ist es gut und notwendig, dass ein Mann seinen Körper stärkt, Disziplin übt und körperlich nicht verweichlicht. Doch all das führt zu einer tieferen Frage: Was ist eigentlich wahre Männlichkeit?
1271 · Summa Theologiae · Secunda Secundae
In der Stille des Dominikanerklosters Santa Sabina in Rom setzte der Doctor Angelicus, Thomas von Aquin, seine Feder an die Summa Theologiae. Was er dort über Männlichkeit schrieb, ist weitaus fordernder als jede moderne Definition. Wahrhaft männlich zu sein bedeutet für ihn, eine seelische Festung zu errichten, die nicht beim kleinsten Windhauch in sich zusammenbricht.
Wahre Stärke besteht darin, dass die Seele am Guten festhält und sich durch Furcht, Lust oder Mühsal nicht davon abbringen lässt
Der Kern der Männlichkeit
Für Aquin zeigt sich wahre Männlichkeit nicht bloß in einzelnen äußeren Taten, sondern in der inneren Gestalt eines Mannes: in dem, was er durch Tugend, Gewohnheit und Gnade geworden ist. Darum unterscheidet er zwischen dem bloßen Schein von Stärke und ihrer wirklichen Substanz.
Der Schein ist ein äußerliches Display kraftvoller Leidenschaften, das Streben nach Dominanz und die Unfähigkeit, kleinste Demütigungen zu ertragen. Die Substanz hingegen ist die Ordnung der Seele unter den vier Kardinaltugenden.
„Tugend ist eine gute Qualität des Geistes, durch die man recht lebt, von der niemand schlechten Gebrauch macht und die Gott in uns ohne uns wirkt."
Die Ordnung der Seele
Wahre männliche Stärke befähigt den Menschen dazu, im Guten festzuhalten gegen die Schwierigkeiten, die ihn davon abbringen würden. Aquin nennt vier tragende Säulen.
Prudentia
Die Fähigkeit, die Realität so zu sehen, wie sie ist – ohne Selbsttäuschung, Wunschdenken oder blinde Leidenschaft. Der erste Schritt zur wahren Stärke.
Iustitia
Jedem das Seine geben – Gott, der Familie, dem Nächsten. Nicht Recht bekommen wollen, sondern das Rechte tun, auch wenn es kostet.
Temperantia
Die Triebe beherrschen, nicht umgekehrt. Lust entkräftet das Herz des Menschen und macht es effeminiert – wer sie beherrscht, ist wirklich frei.
Fortitudo
Dem Guten treu bleiben. Nicht Aggressivität, sondern Standhaftigkeit. Der primäre Akt der Tapferkeit ist das Ertragen – nicht der Angriff.
Fortitudo – Die Tugend der Tapferkeit
Aquin bricht mit dem Klischee des ungestümen Angreifers. Er lehrt, dass der primäre Akt der Tapferkeit das Ertragen (sustinere) ist, nicht der Angriff.
Wer angreift, wird oft von der Leidenschaft des Wagemuts oder des Zorns vorangetrieben. Er hat den Rückenwind seiner Emotionen. Wer jedoch standhält, tut dies oft ohne jede stützende Leidenschaft. Er hält allein durch Vernunft und Gnade gegen das drückende Gewicht des Übels stand.
Der greise Eleasar blieb unter der Folter standhaft: „Du weißt und Dir ist offenbar, daß, da ich mich vom Tode hätte befreien können, ich harte Schmerzen am Leibe erdulde, in der Seele aber dieses gern aus Furcht vor Dir ertrage." Das ist wahre Stärke.
Das Laster der Weichheit
Was genau macht einen Mann „weich"? Eine Mauer gilt nicht als weich, wenn sie unter den Schlägen eines schweren Rammbocks nachgibt. Das Problem ist die leichte Berührung: „Weich heißt, was der Berührung leicht nachgibt."
Nach den Maßstäben des heiligen Thomas kann ein Mann äußerlich hart wirken und dennoch innerlich weich sein, wenn er kleinen Entbehrungen, Kränkungen oder Begierden sofort nachgibt.
Die Umkehrung
Aquin vollzieht hier die große Inversion: Was die Welt als Stärke bewundert, ist oft nur eine andere Form der Schwäche.
Wer auf jede Beleidigung sofort aggressiv reagieren muss, ist zu schwach, um den kleinen Schmerz, missverstanden zu werden, zu ertragen. Er ist ein Sklave seines Zorns.
Der moderne „Player", der jedem sexuellen Impuls nachgibt, besitzt keine Virilität. Lust entkräftet das Herz des Menschen und macht es effeminiert.
Wer Gefühle unterdrückt, um unverwundbar zu wirken, flieht oft nur vor der Konfrontation mit seinem eigenen Inneren. Wahre Stärke braucht keine Maske.
Das vollkommene Vorbild
Das vollkommene Ideal der Männlichkeit ist für Aquin Christus am Kreuz. Er verkörpert die höchste Form der Standhaftigkeit, indem er das Unerträgliche in Schweigen erträgt, statt sich physisch zu wehren.
Diese innere Festung ist es, die wahre Zärtlichkeit erst möglich macht. Nur ein Mann, der nicht mehr seine ungeordnete Eigenliebe, seinen Status oder seine gekränkte Ehre verteidigen muss, kann wahrhaft sanft sein.
Zärtlichkeit ist nicht der Mangel an Stärke, sondern deren schönste Frucht.
Die zwei Hände der Seele
Ein Mann braucht zwei Tugenden, um seine Bestimmung zu erfüllen. Sie sind nicht Gegensätze, sondern Geschwister – und ohne beide kann ein Mann weder wirklich klein noch wirklich groß sein.
Für Thomas widersprechen sich Demut und Großmut nicht. Demut bewahrt den Menschen davor, sich ungeordnet zu überheben; Großmut spornt ihn an, gemäß der rechten Vernunft nach wahrer Größe zu streben.
Demut zügelt das ungeordnete Streben nach Größe, wenn dieses Streben gegen die rechte Vernunft geht.
Großmut spornt den Geist dazu an, nach großen Dingen zu streben, sofern sie der rechten Vernunft entsprechen.
Der Weg der Formung
Wie wird man zu einem solchen Mann? Nicht durch eine einzige heroische Tat, sondern durch die tägliche Formung des Habitus. Aquin liefert hier eine nüchterne psychologische Wahrheit: Die Vernunft kann die wilden Triebe des Menschen nicht in einem einzigen Akt bezwingen.
„Eine Tugendgewohnheit kann nicht durch einen einzigen Akt verursacht werden, sondern nur durch viele."
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